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P.S. Kahls Kolumne
Eine choreografische Schulreform
Während dieser Text entsteht, wird in Detroit die Autoshow eröffnet. Das Leben auf der Überholspur wird mit Rekorden und neuen Modellen gefeiert. Aber während die Messe zelebriert wird, wandelt sich die Motown-Stadt. Der Niedergang der Automobilindustrie hat Detroit 900 000 Einwohner gekostet, die Hälfte der Bevölkerung. Wolkenkratzer sind vernagelt. In den Industriebrachen hat indessen etwas Neues begonnen: Urban Gardening. 1 500 kommunale Gärten gibt es inzwischen. 20 Prozent der Nahrungsmittel für die Menschen in Detroit sollen dort bald geerntet werden. 4 700 Arbeitsplätze wachsen mit. In ehemaligen Fabriken werden Pflanzbeete und Aquakulturen im Wasserkreislauf verbunden. Bakterien bauen das Ammonium, das die Fische ausscheiden, in Nitrat für die Pflanzen um.
Reform?
Zweite Szene. Hurra, wieder eine Reform. Diesmal die Einführung der 67,5-Minuten-Stunde an der Realschule Osterath. Sie komme bestens an, schreibt die Rheinische Post am 12. 12. 2011. Die Schule werde effektiver und entspannter, sie entlaste die Schultaschen und so weiter. Nachdem der 45-Minuten-Takt sich als unsinnig herausgestellt hat, erfinden pädagogische Uhrmacher nun den 67,5-Minuten-Rhythmus. Nicht jeder ist Liebhaber von Stoppuhren. Große Erwartungen werden allgemein in die 90-Minuten-Doppelstunde gesetzt. Alles immer flächendeckend. Die Logik solcher Reformen ist jeweils die gleiche. Die Aussicht darauf, erlebten Unsinn zu beenden, bringt Schub. Zunächst wird die Lösung begrüßt. Bald zeigt sich aber, dass die Negation, soll sie allgemeingültig sein, sich erneut zu einer häufig als noch engeren Position verfestigt. Dann folgt die nächste Reform, wieder flächendeckend und weiter entweicht das Leben aus der Lernvollzugsanstalt.
Dritte Szene. Nach einem Regierungswechsel ist der Reformbedarf am größten.Das zeigt sich derzeit in Hamburg, wo sich der neue Senator mit der Ganztagsschule profilieren will. Möglichst schnell soll es gehen und natürlich wieder flächendeckend. So bleibt von der allmählichen Verwandlung der Schule zu einem Lebensort nur die fade Ganztagsbetreuung. Das bringt allerdings schon wieder die Eltern auf.
Der Hamburger Protest vor zwei Jahren und der neue, Stuttgart 21, die Occupy-Bewegung und die Platzbesetzungen von Madrid bis Tel Aviv oder auch das Urban Gardening, all diese Bewegungen laufen auf eine veränderte Choreografie von Politik und Gesellschaft hinaus. Es gibt eine Sehnsucht nach Orten. Es geht erst mal darum, sich zu versammeln. Die Akteure dürfen ihre Ratlosigkeit eingestehen. Sie wird als Lernantrieb anerkannt. Es wird neuerdings sogar honoriert, wenn das Nichtwissen nicht länger verleugnet wird. Die Piratenpartei, die diesen Mangel zugibt, hat höhere Sympathiewerte als der Politik- und Personendarsteller Wulff. Da geht einiges zu Ende. Ohne diese Hintergrundstrahlung wäre die ganze Wulffstory auch gar nicht zu verstehen. Das Volk hat Freude daran, den Kaiser ohne Kleider zu sehen.
Eine neue Choreografie
Die Choreografie der Industriegesellschaft war eine des Kopierens, der Funktionalisierung und des Gleichtakts. Ihre Erfolgsgeschichte ist die Güterproduktion. Alltäglicher Reichtum für alle. Dahinter sollen wir nicht zurück. Zur Sackgasse wird das Herstellen von Fetischen, die Verselbstständigung des Geldes, nicht nur auf den Finanzmärkten, und die Sicherung des Wachstums durch die Produktion von Prothesen, auch immateriellen, z. B. Facebook. Eine Alternative dazu wäre die Herstellung von nützlichen, würdigen und schönen Dingen. Statt Wachstum lieber Verwandlungen der Lebenswelt und Kultivierung zum Beispiel der Stadt. Kein Zufall, dass Gärten und Kochen an Bedeutung gewinnen. Die Industriegesellschaft hat vertröstet und auf ein Später verwiesen. Dessen Erfüllung entfernt sich dabei immer weiter. Gegenwart und Schönheit, die Einmaligkeit des Momentums, was im Englischen auch Schwung und Impuls heißt, wären gegen diesen falschen Aufschub stark zu machen. Was nun die Schule betrifft, sollte man vielleicht eine choreografische Reform beginnen.
Spiel!
Ein Beispiel. Durch viele Begründungen für Theater und »ästhetische Bildung« zieht sich neuerdings ein Misstrauen gegenüber dem Spiel. Theater, Musik und Kunst müssen sich mit der Vermittlung diverser Kompetenzen legitimieren. So werden sie zu Mitteln für etwas anderes. Aber Spiel ist Selbstzweck. Hier sind Menschen ganz in ihrem Element. Siehe Schillers Briefe zur ästhetischen Erziehung. Diese selbstgenügsame Freude am Spiel bringt auch den größten Ernst hervor. Wie Menschen im Spiel ganz bei sich und in der Welt sind, können wir am besten von Kindern lernen. Eine List des Spiels ist, dass das, was Freude macht und Selbstzweck ist, durchaus leistungssteigernd auf anderes abfärbt. Die Selbstwirksamkeitserwartung und die Ergebnisse werden gesteigert, aber eben dadurch, dass die Sachen und die Personen selbst wichtig werden und nicht weil man diese Steigerung direkt anstrebt. Gerade die Absichtslosigkeit des Spiels hat seine allerdings indirekte Wirksamkeit zur Folge. Umgekehrt gilt, dass die funktionelle Unterordnung und Entwürdigung der Dinge und der Menschen dem erhofften Transfer im Wege steht.
PS
Es geht um die Paradoxie der Freiheit. Wilhelm von Humboldt hatte sie so formuliert: »Durch nichts wird diese Reife zur Freiheit in gleichem Grade befördert, als durch Freiheit selbst.« Das Medium der Freiheit sind das Vertrauen in die Kinder und das Selbstvertrauen der Erwachsenen. Ihr Zusammenspiel eröffnet einen wunderbaren Tanz.
PPS
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