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Pressemeldung

Donnerstag, 20. Juli 2017

Uns droht eine Pflegekatastrophe

Warum das Thema Pflege zu einem prioritären Thema des Wahlkampfs und der neuen Bundesregierung werden muss

 

Von Raimund Schmid, Autor des neuen Buches »Wehe du bist alt und wirst krank«

 

»Wehe du bist alt und wirst krank«. Das ist keine Drohung in ferner Zukunft, sondern bereits bittere Realität heute. Jeder hat doch in seinem Bekannten- oder Verwandtenkreis mindestens einen oder sogar mehrere alte kranke Menschen und macht sich große Sorgen, wie es mit ihnen angesichts der auf uns zurollenden Pflegekatastrophe weitergeht. Jeder von uns hat schon einmal einen Pflegebedürftigen im Krankenaus oder einem Heim besucht und war entsetzt, was er dort zu sehen bekam. Pflegebedürftige und kranke alte Menschen, die eher versorgt und verwaltet statt umsorgt werden oder Zuwendung erfahren.

In den Programmen der Parteien zur Bundestagswahl spielt das Thema Pflege dagegen eine höchst untergeordnete Rolle. Das verwundert sehr. Denn laut einer repräsentativen Befragung des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) ist für 43 Prozent aller Deutschen die Lebenssituation älterer und pflegebedürftiger Menschen sehr wichtig für ihre Wahlentscheidung im September. Bei der größten Wählergruppe 50+ sind es sogar 53 Prozent.

In der Praxis wird das ohnehin schon unterbesetzte Pflegepersonal dagegen wegen Krankheiten, Stellenkürzungen oder Burn-out schon in jungen Jahren immer weiter abgebaut und die Versorgung droht zusammenzubrechen. Höhere Beiträge für die Pflegeversicherung, gewisse finanzielle Verbesserungen für Pflegekräfte und einige Finanzspritzen von Seiten des Staates reichen als Gegenmaßnahmen längst nicht aus. Auch die gerade mit großem Getöse vom Bundestag verabschiedeten Veränderungen in der Pflegeausbildung werden der Altenpflege keinen neuen Schub bringen, weil die fachlichen Anforderungen hierfür nicht von jedem am Pflegeberuf interessierten jungen Menschen erfüllt werden können.

Es klemmt also an ganz vielen Stellen. Allein in der Pflege fehlen bundesweit 162.000 Stellen. Und das, obwohl in Dänemark fast dreimal so viele Menschen und in der Schweiz doppelt so viele damit beschäftigt sind, alte und kranke Menschen zu pflegen. Und das tun sie mit Bravour, weil Pflegekräfte, Kranken- oder Gemeindeschwestern oder Altenhelferinnen weit näher am pflegeintensiven Patienten dran sind als ein Arzt, so engagiert dieser auch sein mag. Diese Erkenntnis wird an vielen Beispielen auch im Buch "Wehe du bist alt und wirst krank" deutlich. Dort wird auch mit »20 Rezepten für die Politik bis 2020« die längst überfällige Pflegerevolution eingefordert. Die drei wichtigsten Maßnahmen für die nächste Legislaturperiode sind:

 

- In jedem größeren Krankenhaus sollte in den nächsten 4 Jahren aufgrund des demografischen Wandels eine eigenständige geriatrische Abteilung eingerichtet werden. Die Bettenanzahl bereits bestehender Abteilungen sollte deutlich erhöht werden.

- Die Pflegestandards müssen erheblich verbessert werden. Es darf nicht länger ein Tabu sein, qualifizierten Pflegekräften 45 € pro Stunde und ein Gehalt von bis zu 4.000 € zuzugestehen. Zudem müssen mehr Verantwortlichkeiten auch an eine akademisch qualifizierte Pflege übertragen werden, womit vielfach in Europa gute Erfahrungen gemacht worden sind.

- Die Medikamentenversorgung alter und kranker Menschen muss endlich aus einen Guss erfolgen. Nur unter voller Einbeziehung der Apotheker mit praktikablen Medikationsplänen und altersgerechten Medikamentenboxen kann verhindert werden, dass alte Menschen auch künftig viel zu viele überflüssige Medikamente dauerhaft schlucken müssen.

 

Was passiert, wenn mutlos agiert und zu lange abgewartet wird, zeigt die klaffende Versorgungslücke bei den Hausärzten. So weit darf es bei der Pflege niemals kommen. Aus der heutigen Pflegemisere würden wir dann rasch in eine Pflegekatastrophe schliddern. Politisch wie ethisch wäre das eine Armutszeugnis, was jeder einzelne als Wähler und Teil dieser Gesellschaft schon im eigenen Interesse nicht zulassen darf.