Was ist Erfolg? Wie werden wir wirksam? Wie kommt Resonanz auf? Das waren Fragen bei »theater träumt schule«. Das Netzwerk Archiv der Zukunft hatte mit dem Deutschen Theater Göttingen in der ersten Maiwoche zum Träumen, Denken und Diskutieren eingeladen. Wer träumt, muss allerdings Fragen nach den Ergebnissen beantworten, will er nicht bald als einer aus Wolkenkuckucksheim verschrien sein.
Der Regisseur Marc Vereeck berichtete von seiner Erfahrung mit zwölf Jahren »Abenteuer Kultur«. Das ist eine von drei Säulen in der Berufsausbildung bei dm. Die von Götz Werner gegründete Drogeriemarkt-Kette ist eines der erfolgreichsten Unternehmen. 36 000 Mitarbeiter arbeiten in 2 536 Filialen und erwirtschaften einen Umsatz von mehr als 6 Mrd. Euro. Während Schlecker mit seiner Quetsche für Gewinne pleite ging, floriert dm. Diese Firma schafft Raum für die Initiative der Mitarbeiter. »Zutrauen veredelt den Menschen, ewige Vormundschaft behindert seine Reifung.« Diese Maxime von Freiherr vom Stein hat sich das Unternehmen zu Eigen gemacht. Na gut, denkt jetzt der eine oder die andere, Schlecker oder dm, einerlei, das sind doch bloß zwei Varianten in dem gleichen kapitalistischen Spiel. Das stimmt nur, wenn alle Katzen grau sind. Genauer besehen steht Schlecker für die Gewinnmaschine, die alles egal und zum Schluss platt macht. dm steht für einen Organismus, in dem gar nichts egal ist, weder angebliche Kleinigkeiten wie die Beleuchtung und schon gar nicht die kleinen Dinge am Allergrößten, an der Bildung.
Nichts ist egal
Deshalb Theater. Dabei gibt es nur ein Ziel: Gutes Theater machen. »Keinerlei Zweckorientierung, außer der Aufführung, Freiräume schaffen,« sagt Vereeck. Viele Jugendliche finden das Theaterspielen zunächst Quatsch. Mancher Filialleiter meinte, da spinnt Götz Werner wohl mal wieder. Aber nach den Folgen und Nebenwirkungen von »Abenteuer Kultur« kommen nun auch ältere Mitarbeiter und wollen mitspielen. Die Quintessenz: Wenn nichts egal ist, wenn alle Elemente stimmen und wenn vor allem die Menschen nicht zu Mitteln degradiert werden, dann, so Marc Vereeck, »lassen sich Erfolg und auch Gewinne gar nicht mehr vermeiden.«
Theater
Von ähnlichen Mechanismen konnten auch Enja Riegel und Abdul Kunze berichten, die an der Helene Lange Schule in Wiesbaden schon vor Jahren Theaterproben, die über Wochen gingen, durchgesetzt hatten. »Aber was wird dann aus dem Stoff?« fragten viele Kollegen. »Wie schaffen wir dann noch gute Ergebnisse?« »Und was wird aus den Schülern, die Abitur machen wollen?« Es kam anders. Ein Jahr Vorsprung bei Pisa. Steigende Abiturientenquoten bei denen, die den vermeintlichen Umweg mitgemacht haben.
Es gibt inzwischen viele solcher Geschichten. Die unglaublichste ist die vom »Jacobs Sommercamp«. Bremer Grundschüler fuhren drei Wochen in den Sommerferien in Landschulheime und Jugendherbergen. Täglich erhielten sie zwei Stunden DUZ, Deutsch als Zweitsprache, anschließend spielten sie Theater und bekamen tolle Freizeitangebote. Die pisaerprobten Jürgen Baumert und Petra Stanat untersuchten den Effekt der drei Wochen. Das Ergebnis konnten sie erst selbst nicht glauben: Der Kompetenzfortschritt in Deutsch übertraf in dieser kurzen Zeit den eines ganzen Schuljahres.
Bei allen diesen Geschichten ist die Wirkung mit der Absichtslosigkeit der Aktivitäten gestiegen. Handlungen wurden nicht funktionalisiert. Sie wurden nicht zum bloßen Mittel für entfernte Ziele herabgesetzt. Was zum Mittel gemacht wird, zumal wenn die Ziele fremd sind und nicht begeistern, gerät bald in den Sog der Normalverwahrlosung. Bildung hingegen kommt indirekt und auf Umwegen. Ohne diese ihr eigene Paradoxie wird sie zur Kümmerpflanze.
Die meisten Schulen haben sich dem direkten Weg der Instruktion und Leistungskontrolle verschrieben. Sie verstärken damit die Drift zum Pseudolernen. Der Kollateralschaden, wenn fast alles zum Mittel wird, ist offenbar. Studien zeigen, dass schon nach dem zweiten Schuljahr Kinder dieses taktische Lernen mit dem Lernen überhaupt verwechseln und abwehren. Am Ende der Schulzeit ist dann fast alles nur noch egal. Viele haben die Lernbulimie. Hastig rein und schnell wieder raus. So entsteht Ekel. Vor dem ausgeschiedenen Wissen und vor sich selbst. Dem steht der Kollateralnutzen des Theaters und anderer Künste gegenüber. Verstehen wir unter den Künsten die Aktivitäten, die nicht zu Mitteln für »die Leistung«, für »das spätere Leben«, für »das Wachstum« oder eben irgendeinen anderen abstrakten Erfolg degradiert wurden. Erfolg lässt sich nicht direkt anstreben. Er stellt sich ein.
Traumschule
Bei »theater träumt schule« berichtete zum Schluss Barbara Riekmann, die Schulleiterin der famosen Max-Brauer-Schule in Hamburg davon, wie vor Jahren die »Neue Max-Brauer-Schule« von zehn Kollegen der Gruppe Traumschule ersonnen wurde. Fächer in den Klasse 5 bis 10 wurden abgeschafft. Lernbüro, Projekte und Werkstätten wurden eingeführt. Das jüngst gemessene Ergebnis: Zwei Jahre Vorsprung dieser Schüler gegenüber der Hamburger Vergleichsgruppe. Aus 38 Prozent, die nach der Grundschule fürs Gymnasium empfohlen worden waren, sind 68 Prozent geworden, die tatsächlich Abitur gemacht haben.
PS
Am 11. Mai erhielt ich den von der »Familie Kluge-Stiftung der Universität zu Köln« gestifteten »HumanAward 2012«. Dabei wurde auch die Kolumne P. S. hervorgehoben. Auch dieser Erfolg ist eine Art Kollateralnutzen.
PPS
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Aus: Pädagogik 6/2012