Gesundheit und gute Schule | BELTZ

Mit Gesundheit gute Schule entwickeln

Zum Verhältnis von Gesundheit, Bildung und Schule

Gesundheit ist ein Megatrend – nicht nur, weil der Zeitgeist Gesundheit propagiert, sondern auch, weil psychische Erkrankungen seit einigen Jahren deutlich zunehmen. Dies gilt auch für die Schule. Schon lange wird darüber nachgedacht, wie sich eine gesunde Schule gestalten lässt. Klar ist: Gesundheit muss ein Bezugspunkt für alle wichtigen Prozesse in der Schule werden, damit Schüler und Lehrer gesund bleiben.

Gesundheit ist wichtig: Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts – das sagte schon Schopenhauer. Fitness ist der Maßstab für Gesundheit, vor allem mentale Fitness. Sie ist ein wichtiger Teil der Lebensqualität: Gesundheit ist und macht schön. Gesundheit fühlt sich gut an und ist zudem ein expandierender Markt.

Gesundheit ist Mittel zum Zweck: Gesundheit ist mehr als Gesundheit. Wir wollen nicht nur gesund sein, sondern Gesundheit ist Voraussetzung dafür, dass wir so leben, lieben und arbeiten können, wie wir es wollen. Deshalb ist Gesundheit zu allererst auch ein Menschenrecht, denn ohne sie ist eben alles nichts.

Gesundheit ist personale und organisationale Gesundheit: Die Gesundheit der Beschäftigten ist wichtig, damit die Organisation ihre Ziele erreichen kann. Gesundheitlich beeinträchtigte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind weniger leistungsfähig, fehlen häufiger krankheitsbedingt und werden bei chronischen Verläufen auch eher frühpensioniert. Aber auch die Organisation in ihren Strukturen (Aufstiegschancen und Perspektiven) und Prozessen (Wertschätzungs- und Anerkennungskulturen) kann mehr oder weniger gesund sein und auf die Beschäftigten mehr oder weniger gesundheitsfördernd wirken.

Was hat dies alles mit der Schule zu tun? Die Antwort ist einfach: Sehr viel. Schule und die an ihr Beteiligten sind Teil dieser immer mehr gesellschaftliche Bereiche durchdringenden »Gesundheitsgesellschaft« (Kickbusch 2006). Gesundheit ist nämlich nicht mehr nur Ergebnis persönlicher, ökonomischer, politischer Bedingungen oder auch von Bildung und Erziehung, sondern wird selbst zur treibenden Kraft persönlicher, beruflicher, organisationaler und ganz allgemein der gesellschaftlichen Entwicklung. Das hat Konsequenzen für die Relation von Gesundheit, Bildung und Schule. Davon handelt dieser Beitrag. Doch zunächst:

Gesundheitsfördernde Schule als Leitkonzept

Alle Bundesländer sehen vor, dass Schülerinnen und Schüler ein angemessenes Verständnis und einen verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Gesundheit erwerben sollen. Dies hat die Kultusministerkonferenz im Jahr 1992 in dem Bericht »Zur Situation der Gesundheitserziehung in der Schule« festgeschrieben und in der fast 20 Jahre später veröffentlichten »Empfehlung zur Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule« bestätigt.

In der Nachfolge der wenig erfolgreichen klassischen schulischen Gesundheitserziehung und -bildung ist den Schulen seit den 1990er Jahren das Konzept der »Gesundheitsfördernden Schulen« empfohlen worden.

Angesichts der gesundheitlichen Situation der nachwachsenden Generation, angesichts der gesundheitlichen Belastungen und Beanspruchungen der Lehrkräfte wie auch angesichts der Erkenntnisse über krankmachende organisationale Strukturen und Prozesse der Schule schien dieser Ansatz am besten geeignet zu sein, in einem umfassenden Sinn schulische Gesundheit zu befördern. Allein im Blick auf die psychische Gesundheit der N= 608 Schüler und N= 35 Lehrkräfte einer »durchschnittlichen« Sekundarschule ergibt sich das in Abb. 1 dargestellte Bild.

Im Konzept der Gesundheitsfördernden Schule sollte die Schule umfassend mit allen ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auf der Ebene des Unterrichts, des Schulethos, des Managements und der Kooperation mit inner- und außerschulischen Partnern Gesundheit der Schülerinnen und Schüler, aber auch der Lehrkräfte fördern. Gesundheit wird hier nicht mehr nur allein als physische Gesundheit verstanden, sondern umfassender als Kompositum physischer, psychischer, sozialer, ökologischer und spiritueller Wohlbefindensaspekte, wobei »spirituell« hier sinnhaft erlebtes Wohlbefinden meint.

Die gute gesunde Schule als Leitkonzept

Zu Beginn der 2000er Jahre hat die schulische Gesundheitsförderung eine Wende erfahren, die einem Paradigmawechsel gleichkommt. Gesundheit wird heute als Treiber verstanden, der die Qualität der Schule nach vorne bringt. Gesundheit ist ein Erfolgsfaktor der Schule (Paulus 2010, Hundeloh 2012).

Dieser Wandel war notwendig geworden, weil die Gesundheitsfördernde Schule sich nicht als Konzept in der Fläche hat durchsetzen können. Die Gründe hierfür sind, dass Gesundheit und ihre Förderung keine pädagogisch zentralen Anliegen der Schule sind. Es sind Interessen des Gesundheitssektors. Sie hat andere Themen, die im Vordergrund stehen und von Modernisierungsprozessen der Schule determiniert werden. Lehrkräfte empfinden es zudem oftmals als eine zusätzliche Bürde, zu deren Bewältigung sie sich nicht ausreichend vorbereitet fühlen.

Erst durch die Verbindung mit diesen zentral bedeutsamen Anliegen von Schule ist der schulischen Gesundheitsförderung eine neue Per­spektive eröffnet worden. Sie hat in dem Konzept der guten gesunden Schule ihren Ausdruck gefunden: »Die gute, gesunde Schule ist eine Schule, die sich in ihrer Entwicklung klar den Qualitätsdimensionen der guten Schule verpflichtet hat und die bei der Verwirklichung ihres sich daraus ergebenden Erziehungs- und Bildungsauftrages gezielt Gesundheitsinterventionen einsetzt. Ziel ist die nachhaltig wirksame Steigerung der Erziehungs- und Bildungsqualität der Schule« (Paulus 2003a).

Wie kann nun mit Gesundheit gute Schule entwickelt werden? Ein Beispiel aus dem Bereich der psychischen Gesundheit soll diesen Zugang veranschaulichen. Es ist erwiesen, dass es vor allem drei Merkmale sind, die gute Voraussetzungen dafür bieten, dass eine Person psychisch gesund bleibt. Aaron Antonovsky hat sie zusammenfassend als Kohärenzgefühl bezeichnet (Antonovsky 1997) und sie folgendermaßen charakterisiert:

  • Das Gefühl von Verstehbarkeit – beschreibt die Fähigkeit einer Person, durch kognitive Verarbeitungsprozesse Informationen so zu interpretieren, dass sie ihr geordnet, strukturiert und schlüssig erscheinen (»Ich blick durch«).
  • Das Gefühl von Handhabbarkeit – beschreibt die Gewissheit einer Person, dass Probleme und Herausforderungen generell bewältigt werden können (»Ich kann´s packen«).
  • Das Gefühl der Sinnhaftigkeit – es beschreibt das Ausmaß, in dem eine Person ihr Leben als sinnvoll erlebt und es ihr lohnenswert erscheint, Energie in Probleme und Herausforderungen zu investieren (»Es lohnt sich«).

Wenn es also diese Faktoren sind, die psychisches Gesundsein begünstigen, dann könnte doch Schule mit ihnen gestaltet werden. Über den Zusammenhang von Kohärenzgefühl, psychischer Gesundheit und Lernen beziehungsweise Leistungsfähigkeit würde dann mit psychischer Gesundheit gute Schule entwickelt.

Harazd (2012) hat für das Führungshandeln der Schulleitung gezeigt, wie eine Operationalisierung des Kohärenzgefühls aussehen könnte (siehe Abb. 2).

Gesunde Schule entwickeln

Hier zeigt sich das veränderte Vorgehen im neuen Paradigma: Es kommt nichts Neues auf die Schule zu. Führungshandeln ist tägliche Praxis der Schulleitung. Mit Gesundheit kann es verändert werden und damit wichtige Beiträge zur Entwicklung einer guten gesunden Schule leisten. In gleicher Weise kann eine Schule jetzt für alle Qualitätsdimensionen ihres Qualitätskonzepts vorgehen. Sie kann Dimensionen und Kriterien »durchras­tern« und überlegen, wie die Strukturen und Prozesse mit Gesundheit so gestaltet werden können, dass sie das Kernanliegen von Schule, eine gute Schule zu sein, und das Kernanliegen der Lehrkräfte, gute Lehrerinnen und Lehrer zu sein, befördern. In der Qualitätsdimension »Lernen & Lehren« kann die Schule sich dann fragen, wie Lernen gesund gestaltet wird, in dem z. B. das Konzept des Kohärenzgefühls im Unterricht umgesetzt wird (Paulus 2003b) (für eine Checkliste siehe Kasten S. 9).

Mit diesem Zugang verändert sich die schulische Gesundheitsförderung. Es stehen nicht mehr Programme im Vordergrund, die in der Schule umgesetzt werden, sozusagen von außen »eingepflanzt«, sondern es ist die alltägliche Arbeit in der Schule, die durch eine »Gesundheitsbrille« betrachtet wird.

Wer gute Schule machen will, kommt also an Gesundheit und ihrer Förderung, insbesondere der Förderung der psychischen Gesundheit, nicht vorbei. Die hier zugrunde liegenden Zusammenhänge von Bildung und Gesundheit bei den Schülerinnen und Schülern sind inzwischen empirisch belegt (zum Überblick: Dadaczynski 2012). Für Lehrkräfte gilt ähnliches. Badura (2008) fasst die Ergebnisse der arbeits- und organisationswissenschaftlichen Forschung in einem einfachen Modell zusammen, das er auch auf Lehrkräfte überträgt (s. Abb. 3).

Dort ist ersichtlich, dass Gesundheit vermittelt zwischen Bedingungen der Organisation Schule (z. B. gesunde Führung), dem Arbeitsplatz (z. B. Lärm in der Klasse) und den Personmerkmalen (z. B. Kohärenzgefühl) einerseits und dem Arbeitsverhalten andererseits: Ohne gesunde Lehrkräfte keine gute schulische Arbeit.

Auf dem Weg der guten gesunden Schule

Auf diesem Weg befinden sich Schulen. Dies zeigen auch die Erfahrungsberichte in diesem Heft. Durch verschiedene Modellprogramme angeregt, entwickeln, erproben und verstetigen diese und viele anderen Schulen diesen Weg. Beispiele solcher überwiegend bundesweiten Programme sind:

Die nächsten Schritte

Für die schulische Gesundheitsförderung wird die psychische Gesundheit immer mehr an Bedeutung gewinnen. Die aktuellen Themen wie Inklusion, Schulabsentismus und frühzeitiger Schulabbruch sind ohne die Berücksichtigung von Aspekten der psychischen Gesundheit nicht zu bearbeiten. Sozial-emotionales Lernen integriert in schulisches Lehren und Lernen wird entscheidende Impulse geben können. Der weitere Ausbau der Ganztagsschulen wird hierfür neue Möglichkeiten eröffnen. Erste Praxisbeispiele liegen hierzu vor (Bestvater et al. 2012).

Literatur

Antonovsky, A. (1997): Salutogenese: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen

Badura, B. (2008): Auf dem Weg zu guten, gesunden Schulen. Was Schule von Unternehmen lernen können. In: G. Brägger/N. Posse/G. Israel (Hg.): Bildung und Gesundheit. Argumente für eine gute und gesunde Schule. Bern, S. 7 – 170

Bestvater, C./Paulus, P./Witteriede, H. (2012): Auf zur guten gesunden Ganztagsschule. Eine Handreichung aus dem Projekt »Mit psychischer Gesund­heit Ganztags­schule entwickeln«. Bonn

Dadaczynski, K. (2012): Stand der Forschung zum Zusammenhang von Gesundheit und Bildung. Überblick und Implikationen für die schulische Gesundheitsförderung. In: Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 20/2012, S. 141 – 153

Harazd, B. (2012): Auf dem Weg zur gesunden Schule. In: Pädagogische Führung 12(2)/2012, S. 58 – 60

Hundeloh, H. (2012): Gute gesunde Schule – mit Gesundheit gute Schule entwickeln. In DAK-Gesundheit & Unfallkasse NRW (Hg.): Handbuch Lehrergesundheit. Impulse für die Entwicklung guter gesunder Schulen. Köln, S. 25 – 40

Kickbusch, I. (2006): Die Gesundheitsgesellschaft. Megatrends der Gesundheit und deren Konsequenzen für Politik und Gesellschaft. Gamburg

Paulus, P. (2003a): Schulische Gesundheitsförderung – vom Kopf auf die Füße gestellt. Von der Gesundheitsfördernden Schule zur »guten gesunden Schule«. In: K. Aregger/U.  Lattmann (Hg.): Gesundheitsfördernde Schule – eine Utopie? Konzepte, Praxisbeispiele, Perspektiven. Luzern, S. 93 – 114

Paulus, P. (2003b): Psychologieunterricht und psychische Gesundheit. Psychologie-Unterricht 36/2003, S. 10 – 20

Paulus, P. (Hg.) (2010): Bildungsförderung durch Gesundheit. Bestandsaufnahme und Perspektiven für eine gute gesunde Schule. Weinheim

Paulus, P./Michaelsen-Gärtner, B. (2009): Referenzrahmen schulischer Gesundheitsförderung. URL: www.bzga.de

Ravens-Sieberer, U./Bettge, S./Erhart, M. (2003): Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen – Ergebnisse aus der Pilotphase des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 46 (5)/2003, S. 340 – 345

Ravens-Sieberer, U./Wille, N./Bettge, S./Erhard, M. (2007): Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse aus der BELLA-Studie im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KIGGS). Bundesgesundheitsblatt 50/2007, S. 871 – 878

Richter, M./Bowles, D./Melzer, W./Hurrelmann, K. (2007): Bullying, psychosoziale Gesundheit und Risikoverhalten im Jugendalter. Gesundheitswesen 69/2007, S. 475 – 482

Robert Koch-Institut (2008): Lebensphasenspezifische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des Nationalen Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS). Berlin

Schaarschmidt, U. (Hg.) (2005): Halbtagsjobber? Psychische Gesundheit im Lehrerberuf. Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustandes. Weinheim, 2. Aufl.

Schlack, R./Hölling, H. (2007): Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im subjektiven Selbstbericht. Erste Ergebnisse aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt 50/2007, S. 819 – 826

Dr. Peter Paulus ist Professor am Institut für Psychologie & Zentrum für Angewandte Gesundheitswissenschaften (ZAG) der Leuphana Universität Lüneburg.
Adresse: Scharnhorststr. 1, 21335 Lüneburg
E-Mail: paulus(at)leuphana.de


Aus: Pädagogik 6/13