Oder: Was man lernt, wenn man präsentieren lernt
»Wir sehen jetzt eine Präsentation«: Das klingt angesagt und modern, nicht so verstaubt wie »Referat« oder »Vortrag«. Und tatsächlich gibt es Unterschiede; das Format der Präsentation ist anspruchsvoller als andere Formate. Warum verlangen immer mehr Schulen Präsentationen von ihren Schülern? Und was lernt man, wenn man präsentieren lernt? Werden die Inhalte austauschbar und beliebig, wenn Präsentationskompetenz im Mittelpunkt steht?
An einem Hamburger Gymnasium im Juni 2011: Die mündlichen Abiturprüfungen stehen an. Der 18-jährige Max hat eine 15-minütige Präsentation zu den Unterschieden zwischen den Verfassungen der Bundesrepublik und der DDR vorbereitet. Souverän steht er vor den drei Lehrern, die seine Leistung beurteilen sollen. Er hatte drei Wochen Zeit für die Vorbereitung und hat sie gut genutzt. Seine Folien sind übersichtlich und informativ gestaltet, sein frei gehaltener Vortrag ist spannend und faktenreich. Im anschließenden Gespräch zeigt er, dass er diese Fakten nicht nur gelernt, sondern auch verstanden hat; mit großer Gelassenheit kann er auch Fragen beantworten, die weit über sein eigentliches Thema hinausreichen.
Die Form der »Präsentationsprüfung« ist neu für die Hamburger Schülerinnen und Schüler; und ebenso neu ist sie für die Lehrerinnen und Lehrer. Nicht alle tun sich leicht damit, die Unsicherheit ist groß: Wie kann verhindert werden, dass die Schülerinnen und Schüler lediglich Inhalte und Bilder zusammenkopieren, ohne sie verstanden zu haben? Nach welchen Kriterien soll der Medieneinsatz bewertet werden? Und kann man eigentlich sicher sein, dass es sich um eine eigene Leistung handelt, wenn die Schüler drei Wochen Zeit für die Vorbereitung haben?
Nicht nur in Hamburg spielt die mediengestützte Präsentation eine immer wichtigere Rolle im Unterricht und in den Abschlussprüfungen, auch in anderen Bundesländern gewinnt die Präsentation als fester Bestandteil des Unterrichts an Bedeutung. So hat das Land Berlin die Präsentationsprüfung im Rahmen der Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss und als fünfte Prüfungskomponente im Abitur eingeführt, und auch in Baden-Württemberg können Schülerinnen und Schüler im mündlichen Abitur Präsentationsprüfungen ablegen. Was ist die Ursache für diesen Trend?
Ursachen für den Trend
Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zunächst vor Augen führen, dass sich unsere Sehgewohnheiten durch die technische Entwicklung bei der Hardware wie bei der Software deutlich verändert haben und weiter verändern werden. Die mittlerweile entstandene Dominanz der audiovisuellen Medien und vor allem die alltägliche, mobile Verfügbarkeit des Internets haben dazu geführt, dass wir die audiovisuelle Präsentation beispielsweise im Beruf oder auch bei Familienfeiern, das spannende Dokudrama im Fernsehen, den Film bei »Youtube« oder die kleine bebilderte Unterrichtslektion z. B. bei sofatutor.com mittlerweile als normal, ja gewissermaßen als Standard empfinden. Wir sind es gewohnt, dass uns Informationen nicht einfach vorgelesen, sondern in einer inszenierten Form mit Unterstützung von Bildern und anderen Medien präsentiert werden. Zugleich verfügt heute praktisch jeder über eine nahezu intuitiv bedienbare Präsentationssoftware wie »PowerPoint«, »Keynote« oder »Prezi« und kann selbst ohne großen Aufwand eindrucksvolle, multimediale Präsentationen erstellen. Auch in den Schulen sind sowohl die Hardware als auch die Software inzwischen normalerweise verfügbar; in fast allen Bundesländern werden zurzeit große Anstrengungen unternommen, um möglichst viele Schulen mit interaktiven Whiteboards auszurüsten, mit denen völlig neue Formen der audiovisuellen Präsentation möglich sind (vgl. dazu auch PÄDAGOGIK 7 – 8/2010 sowie den Beitrag von Iser/Trucks in diesem Heft). Dies bleibt nicht ohne Folgen für die Erwartungen, die an die Schülerinnen und Schüler, aber auch an die Lehrerinnen und Lehrer gerichtet werden. Die Schülerinnen und Schüler erwarten von den Lehrkräften, dass sie den von außen gesetzten Standard selbst auch zumindest ansatzweise erfüllen. Das bedeutet, dass sie bei der Gestaltung des Unterrichts und insbesondere von Lehrervorträgen audiovisuelle Medien einsetzen sollten und die dafür erforderlichen technischen, aber auch ästhetischen Kompetenzen erwerben müssen. Und von den Schülerinnen und Schüler als künftigen Schulabsolventen wird von den »Abnehmern«, also insbesondere von den Ausbildungsbetrieben und den Hochschulen, erwartet, dass sie in diesem Bereich über fundierte Kompetenzen verfügen. Dementsprechend finden sich auch in den meisten Bildungsplänen entsprechende Vorgaben.
Neben der technischen Entwicklung gibt es eine zweite Ursache für den oben beschriebenen Trend in Richtung Präsentation und Präsentationsprüfung: die in der Unterrichtsdidaktik verstärkt angestrebte Individualisierung des Unterrichts und die Betonung des selbständigen Lernens der Schülerinnen und Schüler. In einem stark individualisierten Unterricht mit einem hohen Anteil an selbständig organisierten Lernprozessen müssen Wege gefunden werden, die Arbeitsergebnisse der Schülerinnen und Schüler nicht nur zu kontrollieren, sondern auch für die gesamte Lerngruppe zugänglich zu machen. Hier bietet sich die Präsentation als eine konzentrierte und didaktisierte Form für die Vermittlung von Arbeitsergebnissen an. Daher erhalten die Schülerinnen und Schüler in einem individualisierten Unterricht häufig den Auftrag, am Ende einer Phase des selbständigen Arbeitens ihre Ergebnisse den Mitschülerinnen und -schülern zu präsentieren.
Präsentationskompetenz
Dieser Auftrag ist allerdings anspruchsvoller, als es vielleicht zunächst den Anschein hat, denn für die Erarbeitung einer für die Zuhörer informativen und anregenden Präsentation benötigen die Schülerinnen und Schüler eine Vielzahl von Kompetenzen. Dies wird deutlich, wenn man die Besonderheiten der Präsentation z. B. im Vergleich zu Vortrag oder Referat betrachtet:
Diese Aufzählung zeigt: Die Präsentation vereint unterschiedliche Anforderungen, mit denen die Schülerinnen und Schüler heute in der Schule, aber auch zu Hause und in der Berufswelt verstärkt konfrontiert werden: selbständiges Lernen und Arbeiten, den Umgang mit audiovisuellen Medien, die adressatengerechte Inszenierung von Inhalten und das freie Sprechen. Es wird deutlich, dass es sich bei der Präsentation um eine komplexe Leistung handelt. Dies gilt umso mehr, wenn man die Vorbereitung, also die selbständige Erarbeitung, Gliederung und mediale Aufbereitung des Gegenstandes der Präsentation, in die Betrachtung einbezieht. Dann müssen die Schülerinnen und Schüler mindestens über folgende Teilkompetenzen verfügen, um eine Präsentation erfolgreich zu gestalten:
Das schulinterne Curriculum »Präsentation«
Die Auflistung der erforderlichen Teilkompetenzen zeigt, dass es sich bei Erstellung einer Präsentation um eine komplexe Leistung handelt, die über einen längeren Zeitraum hinweg Schritt für Schritt aufgebaut werden muss. Die meisten dieser Teilkompetenzen müssen nicht zwingend im Zusammenhang mit einer Präsentation vermittelt werden; sie können und sollten auch unabhängig davon Bestandteil des Unterrichts sein. So zeigt der Erfahrungsbericht von Elisabeth Bernard in diesem Schwerpunkt, wie das freie Sprechen sowie Elemente der Rhetorik schon in der Grundschule spielerisch eingeübt werden können. Auch die meisten anderen Erfahrungsberichte legen den Schwerpunkt auf eine langfristig angelegte, systematische Entwicklung der Präsentationskompetenz. Dies kann nur gelingen, wenn die Präsentation zu einem Bestandteil eines schulinternen Curriculums und als solcher methodisch abgesichert wird. Am deutlichsten wird dieser Ansatz in dem Bericht von Ludger Brüning, der beschreibt, dass an der Gesamtschule Haspe ab der 5. Klasse im Rahmen eines spiralförmigen Curriculums sechs Teilkompetenzen von den Schülerinnen und Schülern immer wieder übend weiterentwickelt und dann in Vortragsprojekten in den Jahrgangsstufen 8 und 11 konsequent zusammengeführt werden.
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Kollegium am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Bünde, der von Matthias Hesse und Angelika Schlimmer in ihrem Beitrag dargestellt wird. Auch an dieser Schule werden die Teilkompetenzen bestimmten Jahrgängen als fächerübergreifende Schwerpunkte zugewiesen; die eigentliche Präsentation als komplexe Leistung wird den Schülerinnen und Schüler erst in den höheren Jahrgangsstufen abverlangt, wenn sie über die erforderlichen Teilkompetenzen bereits verfügen. Beide Erfahrungsberichte betonen darüber hinaus, dass es gerade bei der Präsentation überaus sinnvoll ist, die Schülerinnen und Schüler in die Bewertung der gezeigten Leistungen einzubeziehen, weil sich dadurch ihre Aufmerksamkeit als Zuhörer steigern lässt und sie überdies über eine kriteriengeleitete Bewertung der Leistung ihrer Mitschülerinnen und -schüler ihre eigene Präsentationskompetenz ausbauen können.
Das Präsentationsportfolio
Wenn die Präsentation in dieser Weise als Querschnittsaufgabe aller Fächer verstanden wird, kann es sinnvoll sein, dass die Schülerinnen und Schüler ein Präsentationsportfolio anlegen. Darin eingehen könnten z. B.
Durch die Arbeit mit einem lernbegleitenden Portfolio kann gerade bei einer fächer- und jahrgangsübergreifenden Kompetenz wie dem Präsentieren sichergestellt werden, dass die jeweiligen Erfahrungen des Schülers aufgenommen und weiterentwickelt werden, wenn er in unterschiedlichen Fächern präsentiert. Zugleich unterstützt ein solches Portfolio die Entwicklung von Standards für die Durchführung und Bewertung von Präsentationen innerhalb eines Kollegiums.
Zusätzlich zu der langfristig und systematisch eingeübten Präsentationskompetenz geht dieser Themenschwerpunkt auf besondere Situationen ein, die sich im Schulalltag stellen und für die Einübung des Präsentierens genutzt werden können.
So beschreibt Cornelia Spengler in ihrem Erfahrungsbericht, wie sich das Kollegium eines Hamburger Gymnasiums auf die seit 2011 obligatorische Präsentationsprüfung im Abitur vorbereitet hat und wie es die Schülerinnen und Schüler an diese Anforderung herangeführt hat. Dabei wird einmal mehr deutlich, welch großen Einfluss die Vorgabe eines Prüfungsformats auf die Gestaltung des Unterrichts hat.
Thomas Iser und Joachim Trucks stellen das interaktive Whiteboard in den Mittelpunkt ihres Beitrags. Diese neue Technologie, die inzwischen in immer mehr Klassenräumen anzutreffen ist (vgl. auch PÄDAGOGIK 7 – 8/2010), eröffnet neuartige mediale Möglichkeiten für die Präsentation, die auch interaktive Elemente umfassen. Die beiden Autoren gehen ausführlich auf die Möglichkeiten und Grenzen dieser neuen Technik ein.
Der Themenschwerpunkt wird abgerundet durch einen Erfahrungsbericht aus dem Zusammenhang des Wettbewerbs Jugend debattiert. Ansgar Kemmann beschreibt, welche spezifischen Kompetenzen beim Debattieren von Streitfragen erforderlich sind und wie sie erworben werden können. Dabei wird deutlich, wie nützlich diese Kompetenzen für die Gestaltung einer zuhörerorientierten Präsentation sein können.
Bestanden
Für den Prüfungsausschuss war es später keine Frage: Max hat eine sehr gute Leistung abgeliefert – er hat seine Prüfung mit Bravour bestanden. Sein »Meisterstück« ist eine spannende, informative und anschauliche Präsentation. Sie ist das Ergebnis eines jahrelangen Lernprozesses, bei dem Max viel mehr gelernt hat als »nur« die Unterschiede zwischen zwei Staatsverfassungen aufzählen zu können.
Literatur
Dr. Jochen Schnack, Jg. 1965, ist Leiter der Unterabteilung für Unterrichtsentwicklung im Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung und Mitglied der Redaktion von PÄDAGOGIK.
Adresse: Dohrnweg 5, 22767 Hamburg
E-Mail: jochen.schnack(at)gmx.info
Aus: Pädagogik 12/2011