Liebe Pauline, was ist denn überhaupt Anxiety und wie äußert sie sich?
Anxiety ist die Reaktion auf eine Gefahr zu reagieren, die nur im Kopf existiert. Gleichzeitig ist Anxiety zu einem Begriff geworden, der eine ganze Generation beschreibt (und vielleicht sogar eine gesamte Gesellschaft), die sich besser verstehen und wirklich kennenlernen möchte. Für viele steht das Wort heute für Momente, in denen wir nicht genau wissen, was wir fühlen, sondern nur dass etwas in uns in Alarmbereitschaft geht. Dieses wachsende Bedürfnis nach einem besseren Verständnis unseres emotionalen Erlebens ist so selbstfürsorglich und so wunderbar. Also: Lasst uns unbedingt mehr über Anxiety reden.
Warum ist es so wichtig, dass wir Anxiety nicht bekämpfen, sondern sie in unser Leben integrieren?
Wie würdest du einem kleinen Welpen auf der Straße begegnen? Würdest du dieses hilflose Wesen anschreien, bekämpfen oder loswerden wollen? Oder würdest du dich automatisch liebevoll, vorsichtig und fürsorglich nähern? Genauso ist es mit unserer Anxiety. Sie ist wie dieser kleine Welpe. Unsere Anxiety steht für die Anteile in uns, die verunsichert sind und eigentlich am meisten Fürsorge von uns brauchen.
Ich bin fest davon überzeugt, dass Anxiety ein wichtiger Teil davon ist, uns wirklich kennenzulernen. Es geht nicht darum, sie loszuwerden, sondern darum, genauer hinzuschauen und zu verstehen, was sie uns sagen möchte.
Warum sind vor allem jüngere Menschen von Anxiety betroffen? Welche Auswirkungen haben Social Media und Leistungsdruck?
Jüngere Menschen sind besonders von Anxiety betroffen, weil sie in einer Welt aufwachsen, in der Vergleich, Druck und permanente Bewertung zum Alltag gehören. Social Media agiert hier wie ein Brandverstärker: Wir sehen ständig perfekte Leben, perfekte Körper, perfekte Karrieren und unser System reagiert darauf mit dem Gefühl, nicht mithalten zu können. Viele junge Menschen sind in einem Umfeld groß geworden, in dem Leistung, Optimierung und Selbstverbesserung eine große Rolle spielen. Dadurch entsteht ein dauerhafter innerer Anspruch, alles »richtig« zu machen, was das Stresssystem schnell überlastet.
Außerdem: Pandemie, Zukunftsängste, gesellschaftlicher Druck, die sozialen Medien, Klimawandel, die politische Lage auf der Welt – die Liste ist lang, es gibt wirklich genügend Gründe, Anxiety zu erleben.
Ich glaube fest daran, dass all die Menschen, die die Welt in ihr Herz lassen, auch Anxiety – also Angst – spüren werden. Mehr noch: Wer die innere wie die äußere Welt wirklich sieht und in sich hineinlässt, spürt die ganze Palette an Emotionen – in all ihrer Intensität. Diese Menschen fühlen das Leben in seiner ganzen Fülle. Anxiety ist ein Teil davon. Gerade die jüngere Generation ist für diese Art von Fühlen bereit.